Wird mein Dach bald ausgedruckt?

Möglichkeiten und Grenzen der Technik –
Dachdecker-Handwerk bleibt aktuell

Im Vorjahr beherrschten globale Gesundheitsthemen und weltpolitische Veränderungen die Medien. So ging für viele die spannende Sensationsmeldung ein bisschen unter, dass im September und November in Deutschland die ersten Häuser im 3D-Druck errichtet wurden. Sie stehen in Nordrhein-Westfalen und in Schwaben. Für die Erstellung „druckt“ die innovative Technikanlage Wände aus einem Spezialbeton, Schicht für Schicht, in Minutenschnelle. Hochinteressant! Für uns mit am interessantesten war allerdings wohl eine Anmerkung in einem Bericht des Bayerischen Rundfunks über eines der Bauprojekte: „In fünf Minuten schafft der Betondrucker einen Quadratmeter Wand. Dafür, dass das Haus am Ende auch ein Dach hat, braucht es aber Menschen.“  Und weiter: „Wenn es an Böden, Decken, Treppen, Dämmung und Dach geht, muss ganz konventionell gearbeitet werden.“

Tatsächlich ist und bleibt das qualifizierte Handwerk unverzichtbar, auch wenn technische Prozesse die Basis-Bauzeit erheblich verkürzen. Dieser Bau-Beschleuni­gungs-Effekt ist nämlich vor allem der Möglichkeit zu verdanken, dass im Druckverfahren die Wände ohne die normalerweise übliche Verschalung hochgezogen werden können. Von den Fensteröffnungen bis hin zu Steckdosenaussparungen wird alles Nötige schon bei der Programmierung des Druckvorgangs gleich mit berücksichtigt. Das spart natürlich sehr viel Zeit, Aufwand und Ressourcen.

Ist die Grundform des Gebäudes errichtet, ist wieder bewährtes handwerkliches Können erforderlich, um Räume mit perfekter Funktionalität und Wohnqualität zu schaffen. In der Regel wird dann auch die Fassaden-Kompetenz des Dachdeckerhandwerks gefragt sein, fürs Erscheinungsbild sowie bei Bedarf für Dämmzwecke. Doch gedruckte Häuser haben, wenn sie nicht verkleidet werden, sondern im Rohzustand verbleiben, durchaus eine eigentümliche, attraktive Ästhetik. Das Druckverfahren bringt es nämlich mit sich, dass die Betonwände sich aus sichtbaren horizontalen Wülsten schichten. So entstehen Strukturen, die organisch und wie natürlich gewachsen erscheinen. Gerundete Ecken und geschwungene Formen sind ebenfalls charakteristisch und unterstreichen diese Anmutung. Die künstlerische Vielfalt der möglichen Formelemente, die in Herstellung von Hand große Kosten verursachen würden, ist hier problemlos einfach vorprogrammierbar.

Die hohe Kunst der Dachexperten besteht dann darin, diese ungewöhnliche Optik mit einer passenden Bedachung zugleich zu krönen, zu vollenden und zur Geltung zu bringen. Hier gibt es tolle kreative Herausforderungen und Spielräume für die ideenreiche Kunstfertigkeit von 100 TOP-Dachdeckern!

Trendforscher und Wissenschaftler, die sich mit der Zukunft des Bauens und mit Material-Innovationen beschäftigen, begrüßen das Potential der 3D-Technik im Bauwesen: Die neuen technischen Möglichkeiten seien nicht darauf ausgerichtet, den handwerklichen Bau zu verdrängen. Vielmehr sollen und werden sie ihn den Prognosen zufolge sinnvoll ergänzen. Das Spektrum reicht von der schnellen Errichtung von neuen Unterkünften in Katastrophengebieten über besonders stabile und billige Tiny Homes bis hin zu ebenso ökonomischen wie praktischen und komfortablen Lösungen für sozialen Wohnraum. Manpower bleibt weiterhin überall unverzichtbar, nur dass körperlich belastende Aufgaben zunehmend von Druckmaschinen und Robotern übernommen werden und sich das Tätigkeitsprofil der Gewerke, etwa im Maurerhandwerk, in Richtung IT bewegt. Coole Perspektiven für den Nachwuchs, der künftig technische und handwerkliche Interessen noch besser verbinden kann.

Besonders begeistert an den neuen Möglichkeiten auch, dass dieser High-Tech-Trend sinnvolle Beiträge zu mehr Nachhaltigkeit leisten kann. Unter anderem dadurch, dass Materialeinsatz und Materialverluste eingespart werden können. Richtig eingesetzt, passt die neue Technik so perfekt zum generellen Nachhaltigkeitstrend in der Baubranche. Kein Wunder, dass insbesondere Kombinationen von 3D-Bau mit Baumaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen, vor allem Holz, als Musterbeispiele gelobt werden. Für all das braucht es künftig mehr denn je Köpfchen und die Hände von Könnerinnen und Könnern. Im Dachdeckerhandwerk und allen anderen Baugewerken.