Nie hatte Tradition so viel Zukunft

Medien begleiten das Handwerk dabei, sich neu zu erfinden

Wer sich im Alltag aufmerksam umschaut, wird feststellen, dass immer mehr junge Leute sehr deutlich Handwerkerstolz nach außen tragen. In der Öffentlichkeit Berufs- oder Zunftkleidung zu tragen ist absolut angesagt, Cord ist cool, der Blaumann en vogue, und inzwischen haben das natürlich gleich auch die Fashion Designer aufgegriffen und nehmen typische Arbeitskleidung der Handwerksberufe als stilistisches Vorbild für trendige „Relaxed Workwear“-Kollektionen. Trotz Ideenklau aus der Modebranche eine spannende und erfreuliche Entwicklung. Denn ob echte Handwerkskluft oder nur Anspielung und Look – endlich setzt man dem klassischen Hemd- und Schlips-Klischee mal sportive, zupackende Funktionalität entgegen und gibt so auf modische Weise dem guten Gedanken Ausdruck, dass es neben den „White Collar-Berufen“ noch viele weitere hoch attraktive Tätigkeitsfelder gibt, die zu entdecken sich lohnt.

Außerdem ist Kleidung ja beileibe nicht das wichtigste oder gar einzige Medium, das einen Imagewandel und eine neue Wertschätzung des Handwerks spiegelt und artikuliert. Auch in den gedruckten, elektronischen und digitalen Massenmedien erarbeiten sich kreative, engagierte Handwerkerinnen und Handwerker Präsenz und Resonanz für ihre Berufsfelder und machen ihr Können und ihre Ideen unbefangen und einfallsreich über die unterschiedlichsten Kanäle bekannt. Das Spektrum reicht von Social Media-Posts und einfallsreichen YouTube-Clips bis hin zu auffälligen Guerillamarketing-Ideen. Dass insbesondere der Nachwuchs ganz selbstverständlich handwerkliche und mediale Fertig- und Fähigkeiten verbindet und nutzt, macht übrigens auch deutlich: Modern verstandenes Handwerk und die Erfüllung des Wunsches, im Beruf „irgendwas mit Medien“ zu machen, lassen sich bestens kombinieren!

Der Erfolg gibt kommunikativen Initiativen immer wieder Recht. So berichtete die „Karrierebibel“ schon vor Jahren über den Fall eines Betriebs, der über seinen Handwerks-Blog 600.000 Euro Mehrumsatz generieren konnte – nachdem kurz zuvor der Marktdruck noch so groß gewesen war, dass der Inhaber eine Schließung erwogen hatte.

Ausgesprochen positiv ist, dass die moderne Medienvielfalt ermöglicht, über seine eigenen Leistungen auch auf seine individuelle Art und Weise zu erzählen. Im eigenen Tempo, mit eigenen Themen eigene Trends setzen – das machen junge, mit Hand, Herz und Hirn von ihrer Sache überzeugte Handwerkerinnen und Handwerker zunehmend zur Erfolgsstrategie.

Insbesondere gilt es für die jungen und junggebliebenen Talente, die auch eine persönliche Botschaft haben, die ein Anliegen, interessante Leitgedanken oder eine Philosophie in die Welt tragen möchten. Perfekte handwerkliche Ausführung durch informative Ausführungen ergänzen zu können, gewinnt ihnen Interessenten, die vielleicht nur die gute Idee als Multiplikatoren weitergeben, aber vielleicht auch zu Auftraggeberinnen und Kunden werden.

Am weitesten ist diese Entwicklung im Bereich des sogenannten Genusshandwerks fortgeschritten. Köchinnen und Köche, Bäcker, Confiseure, Konditorinnen haben zum Teil sogar Star-Status; ihr Handwerk, als Beitrag zur kulinarischen Kultur erkannt, ist Kult. Dank ihrer großen medialen Präsenz begeistert sich ein stetig wachsendes Publikum für den Wert echten, ursprünglichen Könnens, und so manche treffen dann auch auf Dauer qualitätsbewusstere Konsumentscheidungen. Selbst ungewöhnliche Angebote mit Handwerksbezug erhalten großartige Resonanz. Man muss sich manchmal einfach nur trauen. Weithin bekannt wurde etwa das Beispiel der Metzgerei Böbel. Inhaber und Meister Claus Böbel machte seinen urfränkischen Betrieb nicht nur über einen Webshop und später einen Blog in ganz Deutschland bekannt, sondern wagte schließlich sogar die Eröffnung eines originellen „Bratwursthotels“. Es macht die Welt seines Handwerks auf phantasievolle Weise als kulinarisches Gesamtkunstwerk sinnlich erlebbar – und bei Fans und Feinschmeckern Furore.

Natürlich lässt sich der Image-Boom der kulinarischen Berufsfelder nicht ohne weiteres eins zu eins auf andere Branchen übertragen. Denn anders als Essen und Trinken benötigt viele sonstige handwerkliche Leistungen bekanntlich nicht jede und jeder jeden Tag! Aber auch anderswo im Handwerk gilt, dass eine gelungene Kombination aus Ideen und Information den handwerklichen Leistungen ein größeres Publikum und neue Interessentenkreise erschließt. Handarbeit, das Gediegene, Gekonnte, durch und durch gute, ehrliche Qualität – das zieht als Gegentrend zur stetigen „Virtualisierung“ des Alltags sowie als Kontrast zum Obsoletismus, also der bewussten Verkürzung der Lebensdauer von Gebrauchsgegenständen und Gütern, die Menschen zunehmend wieder an. Auch hierzu soll wieder ein mutiges Bekenntnis zum Überlieferten als Erfolgsbeispiel zitiert werden: Die YouTube-Reihe „Altes Handwerk – Tischlern wie vor 100 Jahren“ zeigt, wie modern traditionelle Verfahren sind und welch schöne Stücke sich so herstellen lassen – und erzielt damit sogar internationale Resonanz.

Die Haltung „Wertschätzung verdient, wer Werte schafft“, unbekümmerte Frische, Dynamik und echte Überzeugtheit von der zeitlosen Gültigkeit authentischer Handwerksqualität haben eben branchenübergreifend Bestand, besitzen überall Relevanz. Die Bereitschaft, sich auf entsprechende Angebote kreativer Könner einzulassen, ist so groß wie nie. Eine Einladung an alle, die auf der Grundlage überlieferter Handwerkskünste neue Wege wagen, im schöpferischen Tun wie auch in der Kommunikation darüber. Und eine Einladung an ihr Publikum, offen und neugierig zu bleiben auf das, was Handwerk ist und Handwerk kann!